“Je mehr man kritisiert, um so weniger liebt man.”

(Honoré de Balzac, französischer Philosoph und Romancier)

Ein kritischer Blick auf die Kritik


Den Leseaufruf mit einer Bewertung zu verbinden: Darin besteht der Auftrag einer guten Rezension als Buchkritik. Und zwar gleichermaßen bei der Besprechung belletristischer Texte als auch bei der speziellsten Sachbuchrezension. Dennoch gelten bei beiden Gattungen unterschiedliche Spielregeln, die vom Rezensenten unbedingt beachtet werden müssen, wenn seine Kritik wirklich beim Leser ankommen soll.

Eine kurze Gegenüberstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Belletristik- und Sachbuchrezension kann daher bestimmt nicht schaden.

Die Einleitung, oder: aller Anfang ist …


Bei beiden Gattungen wird das Thema vorgestellt, in der Belletristik allerdings häufig mit einer zusätzlichen und vertiefenden Handlungserläuterung im nachfolgenden Hauptteil. Ein kurzes Zitat oder eine markante Textzeile ist hier auch erlaubt und erhöht die Aufmerksamkeit, es sollte aber kein knalliger Werbetext aus der Einleitung entstehen. Das Erscheinungsjahr und den Verlag möchte der Leser in jedem Fall wissen.

Belletristik: Die Vorworte zu Schriftstellern sind oft ausführlicher, vor allem wenn sie für die Rahmenhandlung oder für das Textverständnis im historischen Kontext in irgendeiner Art von Bedeutung sind (Beispiele: Der Autor war selbst Polizist in der Großstadt, schreibt nun Kriminalromane; der Text entstand in der Renaissance und der Autor gehörte in dieser Zeit der Bourgeoisie an).

Sachbuch: Die Vorstellung des Autors beinhaltet bei klare, knappe Angaben zur Person sowie zu deren professionellem Werdegang und weiteren Veröffentlichungen.


Der Hauptteil: Butter bei die Fische!




[Hellmuth Karaseks berühmte Video-Rezension des IKEA-Katalogs 2015 gehört zu zweifellos zu den “jungen Klassikern” des Genres.]

Bei beiden Gattungen sind eine verständliche Struktur und eine klare Gliederung der Rezension unabdingbar. Über beides sollte sich der Rezensent bereits vor dem Verfassen seine Kritik im Klaren sein. Der Versuch, eine Rezension quasi „on the fly“ in Form zu bringen, ist in den allermeisten Fällen zum Scheitern verurteilt. Unbedingt im Hinterkopf behalten muss der Rezensent das Medium, in dem seine Rezension später veröffentlicht werden soll. Während einige (Fach-) Magazine und Web-Plattformen den Spagat zwischen populärwissenschaftlichen Beiträgen und anspruchsvollen Fachartikeln schaffen, hilft es dem Leser wenig, im Boulevardteil seiner Lokalzeitung eine lockere Rezension zu lesen, die ihn an eine Habilitationsschrift über Nuklearmedizin heranführen soll. Genauso wie die Rezension postmoderner Lyrik für ein Fachmagazin ihrem Verfasser mehr Expertise und Genrekenntnis abverlangt als die Kurzvorstellung eines Urlaubskrimis im kostenlos verteilten Anzeigenblättchen.

Belletristik: Die vielen Erscheinungsformen der Belletristik veranlassen den Rezensenten oft zu umfangreichen Textergüssen (vor allem bei Romanen und Lyrik), die teils als Selbstdarstellung, teils als Lobpreisung des Autors (miss-) verstanden werden können. Eine Notiz, die in zwei, drei Sätzen auf stilistische Eigenarten des Autors eingeht, ist hier eher von Nutzen. Auch ist bei der Belletristikrezension von einer allzu ausführlichen Nacherzählung des Inhalts abzuraten. Einzelne Bereiche (wesentliche Elemente der Story und des Plots, der Handlungseinstieg etc.) sollten insofern angesprochen werden, wie sie zum Verständnis der Rezension beitragen, jedoch ohne dass zu ausführlich auf sie eingegangen wird. Der Rezensent wird bei einem Roman oder einer Novelle die Motive hervorheben, die zum Beispiel einer sich wiederholenden Symbolik zu Grunde liegen. Das Ende eines Romans wird selbstverständlich weder angedeutet noch verraten (nicht spoilern!).

Sachbuch:
Hier wird der Kritiker nicht unterscheiden müssen zwischen Sciencefiction, Lyrik oder Satire, dennoch darf und sollte der Schreibstil des Autors beschrieben werden. Eine klare und nachvollziehbare Argumentationslinie des Autors ist ebenfalls eine positive Bemerkung wert. Eine wesentliche Rolle in der Bewertung der Verständlichkeit spielt zudem die anvisierte Zielgruppe. An diesem implizierten Leser hat der Autor den inhaltlichen Anspruch und die sprachliche Ausformulierung seines Textes auszurichten. Ob und wie gut ihm dies gelungen ist, sollte in einer gelungenen Sachbuchrezension auf jeden Fall beachtet werden, wobei die Themen des Sachbuchs kurz hierarchisch aufgelistet werden können, ohne dass der gesamte Inhalt wie durch eine Inhaltsangabe „verraten“ würde. Generell akzeptiert sind auch in deutschsprachigen akademischen Veröffentlichungen Zitate oder Referenznotizen in Fremdsprachen, deren Ursprung sich in den Indizes wiederfindet.


Schluss und Wertung in der Rezension


Während die Rezension eines belletristischen Textes am Ende aus einer generellen Bewertung und einer persönlichen Interpretation bestehen kann, muss die Sachbuchrezension mit einer klaren und fundiert begründeten Aussage abschließen. Die sachliche, möglichst objektive Kritik steht hierbei im Vordergrund. Im Gegensatz zur zeitgenössischen oder historischen Romankritik muss die Rezension zum Beispiel eines wissenschaftlichen Textes nicht zwangsläufig einen Bezug zu politischen oder sozialen Fragen herstellen – obwohl dies in Einzelfällen durchaus sinnvoll sein kann. Hier sollte vor allem auf fehlerfreie, nicht widersprüchliche Aussagen und Referenzen geachtet werden: Konnte der Autor die Ausgangsfrage durch und das Formulieren seines Hauptarguments und dessen Unterfütterung mit eigenen und/oder fremden Thesen vollständig beantworten?

Zum Erreichen einer solchen abschließenden Beurteilung ist es nicht nur von großem Vorteil, sondern geradezu unerlässlich, dass der Rezensent bei seiner Bewertung auf Sachverstand und eigenes Fachwissen zurückgreifen kann. Oder anders formuliert: Krimi kann doch jeder …
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Prominente Rezensenten

Rezensenten (oder: Kritiker) erreichen mitunter selbst einen Prominentenstatus, der nicht nur ihren Einfluss auf das von ihnen kritisierte Fachgebiet widerspiegelt, sondern der sie selbst zur Marke und damit wiederum zum Gegenstand neuerlicher Kritik werden lässt. Drei Beispiele:

Literatur: Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) war ein deutscher Publizist und Literaturkritiker, dessen ebenso bissige wie unterhaltsame Rezensionen unter anderem durch die TV-Sendung „Das Literarische Quartett“ ein Millionenpublikum erreichten.

Film: Roger Ebert (1942-2013) war ein war ein US-amerikanischer Filmkritiker und 1975 der erste Pulitzer-Preis-Gewinner für Filmkritiken. Seine seit Mitte der 1960er-Jahre in Print und TV veröffentlichten Rezensionen zählen auch heute noch zu den Lehrbeispielen dieser Darstellungsform.

Medizin: Julius Hackethal (1921-1997) war ein deutscher Medizinprofessor und -kritiker, vor allem der schulmedizinischen Krebstherapie. Seine rezensorischen Publikationen (vgl. z. B. Keine Angst vor Krebs) umfassten stets eine unterrichtende Komponente, werden daher häufig der Populärwissenschaft zugeordnet und erreichten ein Millionenpublikum.
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Die Rezension

Wie schreibt man eine Rezension? Dieser kompakte Leitfaden der Fakultät für Soziologie (Schwerpunkt Organisationssoziologie) der Universität Bielefeld zum Verfassen einer geistes- oder sozialwissenschaftlichen Rezension bietet viele universell übertragbare Anregungen. Hier finden Sie den Gratis-Download von “Wie schreibt man eine Rezension? als PDF.

“Die meisten Schreiber sind so unbescheiden, dass sie immer von der Sache sprechen, wenn sie von sich sprechen wollen.”

— Karl Kraus
Über die Autorin: Sylvia Phipps

Über die Autorin: Sylvia Phipps

International Database Manager, Designerin & Journalistin


Sylvia Phipps hat Film Studies (Contemporary Cinema – Certificate) in Oxford studiert, ist ausgebildete Multi-Media-Designerin und Social-Media-Managerin. Sie war über 15 Jahre lang als wissenschaftliche Online-Redakteurin in Großbritannien tätig, verfügt über das International Legal English Certificate (Distinction) der University of Cambridge und widmet sich heute neben ihrer Tätigkeit bei einer großen Berliner Kommunikationsagentur dem freiberuflichen Journalismus.

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